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Ursula Commandeur

URSULA COMMANDEUR – KERAMISCHE PLASTIKEN

von Dr. Elisabeth Kessler-Slotta, Kunsthistorikerin, Bochum

(Auszüge aus der Rede zur Ausstellungseröffnung am 16.02.2008)
            

Aus dem Spannungsverhältnis heterogener Materialien sowie handwerklicher Virtuosität und spielerischer Fabulierlust beziehen die von Ursula Commandeur geschaffenen Objekte ihren eigentümlichen Reiz. Fasziniert und irritiert zugleich kann sich der Betrachter der suggestiven Wirkung der Keramiken kaum entziehen, obschon sie sich selbst bei intensiverer Betrachtung konkreten Zuordnungen verschließen. Die aus Porzellan und Draht gefertigten Reliefs und frei im Raum positionierten Arbeiten sind reine Phantasieschöpfungen, gleichwohl sich Assoziationen zu Naturgebilden einstellen, vermeintlich Analogien hervorrufend, sie dann aber sogleich wieder verwerfend, denn Ursula Commandeurs Werke bestechen durch ihre Autonomie und stringente Ästhetik, der sich konsequent auch die koloristische Reduktion – die Künstlerin bevorzugt dabei die Kontrastierung von Weiß und Schwarz – unterordnet. ……

….. Die Kombination von Biskuit, unglasiertem Porzellan, mitunter lediglich mit Engoben dekoriert, mit keramikfremden Stoffen wie Kautschuk oder Draht bildet erst seit kurzem einen Schwerpunkt im plastischen Gestalten der Künstlerin. In stets neuen Konstellationen führt sie die geradezu universelle Formbarkeit des Werkstoffes Ton vor, dessen Bildsamkeit ein seit alters her geschätztes und noch immer schier unerschöpfliches Potential darstellt. War das Experimentieren mit keramischen Massen und artfremden Materialien wie Draht, Gummischläuchen, Kabeln in den 1990er Jahren offenbar ein probates Mittel, um dem uralten Werkstoff neue Ausdrucksmöglichkeiten zu entlocken – so hat beispielsweise Corina Isabel Ohrndorf, eine andere Absolventin der Krefelder Fachhochschule, zum Richard-Bampi-Preis 1993 ein Geflecht aus einem Materialmix eingereicht -, so bleibt doch die Kreation der Porzellan-Draht-Objekte singulär und alleiniges Verdienst von Ursula Commandeur. Denn für die künstlerische Qualität auch der keramischen Plastik sind der Entwurf als geistige Leistung und die Angemessenheit und das Zusammenwirken aller formalen handwerklichen und materiellen Mittel zu seiner Verwirklichung entscheidend.

Handwerkliche Meisterschaft und die Verwandlung naturhafter Eindrücke in ein eigenständiges Formenrepertoire prägen die Werkgruppe der Porzellan-Draht-Objekte. Formal an Kuben, stereometrischen Körpern, aber auch polsterähnlichen Gebilden wie Kissen orientiert, sind sie aus einer Vielzahl gleichartiger, dennoch individuell – von Hand – gestalteter Elemente gefertigt; 384 Porzellanröhrchen formieren beispielsweise den keramischen Part des 2007 geschaffenen Porzellan-Draht-Objektes! In additiver Reihung entwickeln die zumeist über quadratischen, bisweilen trapezförmigen Grundflächen angeordneten Elemente ein dynamisches Eigenleben, wenn sie sich zu welligen Flächen, Trichtern, Zylindern oder Röhrchen formen, in Zipfeln endigen, um so mit einer durch Bewegung gekennzeichneten Silhouette in den Raum vorzustoßen. Mit Kalkül setzt die Künstlerin auf Kontraste, polarisiert reihenartige Anordnung und individuelle Formung, um so im Wechselspiel Gegensätzliches wahrzunehmen und zu differenzieren. Zuweilen strukturieren lineare, spiralige Akzentuierungen in schwarzer Engobe das Weiß des Biskuits und evozieren dadurch Dynamik und Bewegung. Dieses aus mannigfachen, aber gleichartigen Einzelteilen geformte Gebilde, mal als Körper, mal als Relief gestaltet, fungiert darüber hinaus als Gerüst für den Draht, das zweite Material, der als filigranes Element aus den Zwischenräumen zwischen den Porzellanröhrchen herauszuwachsen scheint. Assoziationen an Zelllandschaften, an die sog. Axone, die Ausläufer der Nervenzellen, stellen sich unweigerlich ein, oder aber an zoomorphe Gestaltungen, auch an Tiefseepopulationen, an Korallenriffe etwa. Zudem meint man Wachstumsprozesse in dem Erscheinungsbild der Porzellanröhrchen erkennen zu können, den der Eindruck des wie Haare wuchernden Drahtes noch potenziert. Die von  einem Zentrum bisweilen konzentrisch nach außen drängenden, zum Teil gekrümmten Drähte können auch an pelzige Strukturen erinnern; diese Vorstellung vermitteln auch die Titel einiger Objekte aus den Jahren 2006/ 2007. Doch bei näherer Betrachtung verkehrt sich der zunächst sensitive Eindruck abrupt ins Gegenteil, da der Draht wie eine Schutzzone die fragilen Porzellangebilde vor zudringlichen Kontakten abzuschirmen scheint und den Betrachter aus Angst sich zu verletzen eher auf Distanz hält.

Die in der Ausstellung präsentierten Porzellan-Draht-Objekte weisen bei eingehender Wahrnehmung unterschiedliche Akzentuierungen auf. Bei den Wandarbeiten dominiert die Ponderation von Flächenbezug und Raumerkundung, bei den frei positionierten Werken tritt die Betonung der eigenen Körperlichkeit stärker hervor. Mit Maß und Akribie gestaltet die Künstlerin zudem die Relation von Gesamt- und Einzelform, dabei  spannungsvolle Wechsel von Größe und Proportion, Fläche und Linearität wirkungsvoll ausspielend sowie ebenso subtil die Unterschiede von Materialbeschaffenheit und Oberflächenreizen, letztlich also Form und Struktur gegenüberstellend. Simple Fragestellungen, wie denn die einzelnen Elemente miteinander und insgesamt verknüpft sind oder gar im wörtlichen Sinne zusammenhängen, hat die Künstlerin äußerst geschickt den Augen des neugierig gewordenen Betrachters entzogen, vielmehr kaschiert sie mit Raffinement hinter ästhetisch angeordneten minimalen Lochmustern ihr ausgeklügeltes Befestigungssystem.

Mit der Vielfalt gestalterischer Möglichkeiten und der Simultaneität von Eindrücken erreicht die Werkgruppe der Porzellan-Draht-Objekte im Schaffen der Künstlerin eine besondere Ausdrucksqualität. In der Kombination mit dem bisher unerschlossenen Material Draht fächert Ursula Commandeur in ihren plastischen Arbeiten ein variantenreiches Spektrum auf. …..

….. Ursula Commandeurs plastische Keramiken machen ihre innovative Gestaltungskraft im Erproben ungewohnter Materialkombinationen anschaulich, die sich in ästhetisch anspruchsvollen und überzeugenden Konzeptionen verwirklichen.


Dr. Elisabeth Kessler-Slotta

 

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